Arbeit macht frei!Die Vergötzung der Arbeit, der Ware und der Uhr als Konsequenz der Diffamierung der Muße als "Faulheit" und ihrer Diskriminierung zur "Todsünde" durch den Protestantismus (Puritanismus) sowie durch die fehlerhafte Übersetzung und falsche Auslegung der Heiligen Schrift der Bibel.

von Norbert Knobloch

"Homo consumens" (Wolfgang Schmidbauer), der verbrauchende Mensch, und die "wirtschaftliche Masturbation" (Oscar Kiss Maerth) des zwang- und krankhaften Arbeitens und Produzierens, Kaufens, Verbrauchens und Wegwerfens sind die zwangsläufige Konsequenz der Verurteilung der Muße als "Faulheit", ihrer Gleichsetzung mit "Verderbtheit" und Erklärung zur "Todsünde" von Seiten der Kirche, und des Utilitarismus, der Verwechslung des Mittels mit dem Zweck, der Vergötzung der "Arbeit", der "Leistung", der Ware, der Uhr ("Zeit ist Geld" [Benjamin Franklin]) und des Geldes durch den von der "Prädestination" überzeugten, unmündig und abhängig gemachten Menschen, dessen psycho-ideologische Prägung und Fremdbestimmung durch die protestantisch-puritanische "Ethik" Max Weber in seinem Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (1905) aufgezeigt hat. Ideale wie die Muße als gesellschaftlich nicht zur Ware werdende Tätigkeit sind diesem verschlingenden, hortenden oral-analen Zwangscharakter verpönt.

Zu verdanken haben wir das dem böswilligen oder dummen Mißbrauch der falsch und aus dem Zusammenhang gerissen zitierten biblischen Grundsätze "Macht euch die Erde untertan" (1. Mose 1:28 u. 1. Mose 9:7; s. u.) und "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" (2. Thess. 3:10; s. u.) sowie dem der Mönchsregel "ora et labora"  ("Bete und arbeite") des Benediktinerordens (s. u.); vor allem aber dem perversen "Arbeitsethos" des "Calvinismus", der absurden Lehre von der angeblichen "Prädestination" (Vorherbestimmung des Schicksals) des fanatischen, dogmatischen Reformators und "Urvaters" aller Puritaner, des krypto-jüdischen Talmudisten Jean Caulvin (Johannes Calvin [1509 - 1564]) aus Noyon in der Picardie in Frankreich. Dieser begründete als eine Art "protestantischer Ayatollah" (Dietrich Schwanitz) in der Zeit zwischen 1541 und 1564 in Genf  (französische Schweiz) einen üblen, folgenschweren theokratischen Fundamentalismus, der sich in Form eines infantilen Aberglaubens, des autoritären, repressiven "Calvinismus" oder "Puritanismus", und in den Personen seiner bornierten, intoleranten Anhänger, der Quäker, Baptisten, Presbyterianer, Mennoniten, Methodisten u. a., von der Schweiz ausgehend über die Niederlande, England und Nordamerika auf der gesamten Welt breitgemacht hat und Millionen von psychisch schwer geschädigten Verhaltenskrüppeln hervorgebracht hat.

Es handelt sich dabei um eine fanatische und dogmatische pseudo-religiöse Lehre, deren Kern das pseudo-religiöse Konzept der Prädestination ist (praedestinatio, lat.: Vorherbestimmung). Danach hat Gott in seiner "unergründlichen Weisheit" ein- für allemal vorherbestimmt, wer zur ewigen Seligkeit und wer zur ewigen Verdammnis (vor)verurteilt ist. Nichts kann Gottes einmal getroffenen "weisen Ratschluß" ändern, keine noch so guten Taten, keine Beichte, keine Opfer, keine Sakramente. Diese absurde, perverse, ja teuflische, nämlich in höchstem Maße gotteslästerliche Lehre - keine "Frohbotschaft" (altgriechisch euaggelion, lateinisch Evangelium), sondern eine "Drohbotschaft" (Holger Kersten) - ist Generationen von (Aber-) "Gläubigen" von Kindheit an eingehämmert worden und hat Millionen von infantilisierten, indoktrinierten und manipulierten Psychopathen hervorgebracht (Prototyp dieses oral-analen Zwangscharakters ist der amerikanische "Selfmademan"). Calvin erlaubte passenderweise das Verleihen von Geld gegen Zinsen (sic!) und das Halten von Sklaven (sic!)

Bertrand Russell (1872 - 1970), walisischer Philosoph und Mathematiker, Nobelpreisträger 1950, fasst dies in seinem Werk "Lob des Müßiggangs" sinngemäß wie folgt zusammen: Es ist ungerecht und unmoralisch, dass ein Mensch mehr verbraucht, als er selber produziert, dass der größte Teil des von der großen Mehrheit der Bevölkerung erzeugten gesellschaftlichen Gesamtproduktes einer kleinen Minderheit zugute kommt, die überhaupt nicht oder zumindest fast nicht arbeitet. Es sind dies Menschen, deren zynische Maxime lautet, andere Menschen sich das "Privileg", existieren zu dürfen, mit und durch Arbeit "verdienen" zu lassen (sic!). Anfangs wurden die Massen mit direkter, nackter Gewalt dazu gezwungen, immer mehr zu produzieren und das meiste abzuliefern. Dann aber kam die Kirche auf die Idee der Indoktrination mit einer pseudo-religiösen Ideologie: die der "Prädestination" des Puritanismus. Damit konnten die Massen veranlasst werden, sich naiv eine  absurde, abstruse (Pseudo-) "Ethik" zu eigen zu machen, die ihnen lebenslange harte Arbeit zur "Pflicht" und zu einer "Tugend" zugleich machte, obwohl der weitaus größte Teil dieser Arbeit nur dazu diente, der herrschenden Minderheit ein nichtsnutzes Leben in Luxus zu ermöglichen. Historisch gesehen, ist die pseudo-religiös verbrämte, missbräuchliche Verwendung des Begriffes "Pflicht" ein taktisches Mittel der Herrschenden, die Untertanen / Bürger / Proletarier ohne größeren Aufwand dazu zu bringen, zum Vorteil und Nutzen der Machthaber und der herrschenden Klasse der Kapitalisten statt im eigenen Interesse zu leben. Die "Moral" dieser "Arbeit" ist eine Sklavenmoral; es ist die "Moral" eines Sklavenstaates. Soweit sinngemäß die (zutreffenden) Gedanken des Philosophen Bertrand Russell dazu.

Die "Arbeitsethik" und die "Arbeitsgesellschaft" sind historisch also verhältnismäßig jung. Erst die Ausbreitung der Geldwirtschaft und die Entwicklung des Industrie-Kapitalismus verlangten einen neuen "Menschentypus", der zu regelmäßiger, gleichmäßiger Zwangsarbeit und zu ständigem, unterwürfigem Gehorsam "bereit" ist, richtiger ausgedrückt: gezwungen werden kann. In diesem Zusammenhang wurden den sog. "bürgerlichen Tugenden" 'Pflichtgefühl', 'Verantwortungsbewusstsein', 'Pünktlichkeit', 'Ordentlichkeit', 'Fleiss' und 'Disziplin', obzwar nur noch leere Worthülsen, weil unaufhörlich gedroschen, in der Rangordnung gesellschaftlicher "Werte" nun höchste Priorität zugeschrieben. Umgekehrt wurden jetzt Müßiggang zur "Faulheit" und "Faulheit" zur "Sünde" erklärt sowie die harmlos-bedürfnislose Grundhaltung des vermeintlich "Faulen" als "asozial" diffamiert und der  vermeintliche "Faule" selber als "Gesellschafts"- und "Volksschädling" diskriminiert.

Wer aber undifferenziert "Faulheit" der "Arbeit" gegenüberstellt und mit einem unzulässiger-weise unterstellten Selbstzweck der "Arbeit" die "Faulheit" diffamiert und den "Faulen" diskriminiert, blamiert sich nur selber, denn er offenbart unfreiwillig entweder böswillige Absicht, mangelnde Bildung oder einfach nur Dummheit. Die Gebildeten und Gelehrten der Antike und auch noch die des Mittelalters unterschieden nämlich wohlweislich zwischen »Faulheit« als accidia und »Faulheit« als pigritia: "Ist mir doch (alles) egal" und "Was kann ich schon machen" sind Beispiele für die träge, gleichgültige, verantwortungslose, feige Gesinnung, die der accidia entspricht; "Nur nichts überstürzen" oder "Kommst du heut´ nicht, kommst du morgen" drücken die unerschütterliche, gleichmütige Haltung der pigritia aus. Und nur accidia als tatsächliche Faulheit und erbärmliche Feigheit vor dem Gebrauch der eigenen Möglichkeiten und der eigenen Fähigkeiten sowie Flucht vor der Realität und Furcht vor falscher "Autorität" bestimmte Thomas von Aquin (1225 - 1274), der bedeutendste Philosoph und Theologe des europäischen Hochmittelalters, zurecht zur "Todsünde". Accidia - Schwäche, Faulheit, Feigheit - ist das Kriterium der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

»Faulheit« als »Todsünde« bezog sich nicht auf »Arbeit«, sondern auf die spirituelle Selbstverwirklichung des Menschen, auf die Verfolgung seines ihm eingeborenen Zieles, also des (einzigen) Sinns und Zwecks seines Daseins: "Der Zweck des Lebens auf der Erde ist die Entdeckung unseres wahren Wesens und das Handeln nach dieser Erkenntnis." (Henry Miller in Nexus). "Erkenne dich selbst" ("gnóthi seautón") stand deshalb auch über dem Tempel des Apollon zu Delphi, in dem die Seherin Pythia in Trance den Bittstellern den Willen des Gottes kundtat. Dementsprechend bedeutet auch das altgriechische Wort für »Sünde«, hamartía, ursprünglich und wörtlich "das Ziel verfehlen": Wer seine ihm angeborenen, innewohnenden, allein menschlichen Eigenschaften »Vernunft« und »Verstand«, »Erkenntnisfähigkeit« und »Entscheidungsfreiheit«, die das Tier, den "nackten Affen" (Desmond Morris), erst zum Menschen machen, die erst das Mensch-Sein ausmachen, aus Feigheit, Schwäche und Faulheit nicht nutzt, hat das Ziel, nämlich die persönliche Ausrichtung auf und die persönliche Entwicklung zu Gott hin, verfehlt, ist also der wahre, eigentliche "Sünder": "Die Sünde ist weniger eine Herausforderung Gottes als eine Leugnung der Seele, weniger eine Verletzung des Gesetzes als ein Verrat gegen sich selbst." (Sarvepalli Radhakrishnan [1888 - 1975], Weltanschauung der Hindu). Arbeit ist  also nicht der Sinn des Lebens; sie ist nur buchstäblich "notwendiges" Mittel zum Zweck.

So haben erst die Kirche und dann die Kapitalisten die Bedeutung und den Sinn der Begriffe »Arbeit«, »Faulheit« und »Sünde« ins Gegenteil verkehrt und damit pervertiert sowie Mittel und Zweck vertauscht, nämlich "Arbeit", "Wettbewerb" oder "Konkurrenz" und "Fortschritt" zum Selbstzweck erklärt, und damit die "Welt der Technik" (Martin Heidegger), eine buchstäblich Sinn-entleerte Welt in einer Ziel-losen Geschichte, ermöglicht und vorbereitet. Heideggers zentraler Gedanke ist, dass der menschliche Irrglaube, die Natur beherrschen und die Geschichte lenken sowie sein Schicksal zu einem "Besseren" wenden zu können (und dürfen), das genaue Gegenteil generiert hat. In seinem Essay "Überwindung der Metaphysik" zeigt Heidegger auf, dass "Technizismus" und "Ökonomismus", die beide die heutige Welt dominieren, ihre Wurzeln im (teilweise falsch verstandenen) Empirismus (Hobbes, Locke, Berkeley, Hume, Adam Smith) und Rationalismus (Descartes) der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts haben. Aber obwohl ihre Skepsis gegenüber Tradition und Autorität zu einer kritischen bis ablehnenden Haltung gegen die Kirche und ihre Dogmata führte ("Écrasez l´infame": "Zerschlagt die Infame" [Marie François Arouet alias Voltaire, 1694 - 1778]), arbeitete die Aufklärung, ob nun vorsätzlich oder nicht sei dahingestellt, dem Protestantismus, insbesondere dem Puritanismus, dieser den Forderungen der neuen, kapitalistischen Industrie-Bourgeoisie angepassten Form des Christentums, in die Hände.

Und es war wiederum die protestantische Kirche, die sich maßgeblich gegen die vorgeblich "verwerfliche Verschwendung" der Zeit, gegen den Müßiggang  richtete und die verplanende Gestaltung der Lebenszeit zur angeblich "ethischen Pflicht" erhob. Aber für Aristoteles, nach seinem Lehrer Platon der bedeutendste Philosoph der Antike und maßgeblich für das Abendland bis zur Hochscholastik des 16. und 17. Jahrhunderts, ist die Muße als Akt des geistigen Schauens die höchste Stufe der Selbstverwirklichung. In der vita contemplativa, dem meditativen Leben, ist der Mensch Gott am nächsten. Die theoria, die intuitive heilige Schau, ist Teilhabe am Göttlichen und der Zustand der Vollkommenheit, der höchsten Stufe, die der Mensch auf Erden erreichen kann. In den Klöstern des Mittelalters wurden diese beiden Aspekte des irdischen menschlichen Lebens, der ideelle, geistige der Selbstverwirklichung und der materielle, körperliche der durchaus als notwendig anerkannten Arbeit, von den Mönchen harmonisch integriert und, jeder zu seiner Zeit u. in angemessenem, ausgewogenem Maße, in rhythmischem Wechsel gelebt. Das  meint "ora et labora".

Das kommt auch sprachlich in den beiden lateinischen Wörtern für »Muße« (otium) und »Arbeit« bzw. »Pflicht« (negotium) zum Ausdruck: »Arbeit« wird negativ definiert, nämlich als "keine Muße" oder "Abwesenheit von Muße". »Muße« ist das Positive und das Erste, Frühere, Wichtigere, Hauptsächliche, denn bevor etwas negiert (verneint) werden kann, muss es ja erst einmal da sein, und das ist in diesem Fall eben die Muße. Muße hat also Priorität (Vorrang); Arbeit ist nur eine zwar notwendige, aber zweitrangige Nebensache, welche die Muße als eigentliche Hauptsache lediglich ermöglichen soll. Arbeit ist nur Mittel zum Zweck.

Die schönste und treffendste Definition der Muße stammt von Ottmar Bergmann: "Müßiggang ist die Bewegung, die den Rhythmus des autonomen Selbst gleichzeitig sucht, findet und verkörpert."1) Und ebenso schön und treffend schreibt Friedrich (von) Schiller: "Denn (…) der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."2) Und zur pervertierten Arbeit als Selbstzweck und zur Arbeitsteilung: "… der Genuss wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein einzelnes Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich auch der Mensch nur als Bruchstück aus…"3)

"Arbeit ohne Maß und Ziel ist die schlimmste Sklaverei, die schrecklichste Geißel, welche je die Menschheit getroffen"4), stellt Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx sowie Politiker und Schriftsteller, in seinem Werk "Le droit à la paresse" ("Das Recht auf Faulheit") 1883 zutreffend fest. Darin entlarvt er mit beißendem Spott und schneidender Satire die bigotte "Arbeits(doppel)moral" der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die aus einer zwar natürlichen, aber bitteren Notwendigkeit erst eine angebliche "Pflicht" und dann gar eine vorgebliche "Tugend" macht und in unfreiwilliger Selbstironie oder  unverschämtem Zynismus von dem "Adel der Arbeit" und der "Sinnstiftung der Arbeit" faselt.

Nun erst kann auch das oben erwähnte Zitat "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" aus dem zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessalonich in seiner wahren Bedeutung verstanden werden. Es richtet sich nämlich gegen gesellschaftliche Schmarotzer und Parasiten, also gerade genau gegen diejenigen, die es böswillig aus dem Zusammenhang reißen und in zynischer Impertinenz gegen jeden, der ihnen nicht zu Willen ist, missbrauchen: die Faschisten, Zionisten, Sozialisten, Kommunisten und Kapitalisten und ihre faulen (!) Büttel, Lakaien und Schergen auf den Arbeits(losen)ämtern und im Strafvollzug mit seiner (fast) unbezahlten Zwangsarbeit. Für alle diejenigen, die es entweder böswillig wider besseres Wissen missbrauchen, mangels eigener (Herzens-) Bildung daherschwätzen oder einfach in dummem Unverstand nachplappern, hier das Zitat in seinem originalen Zusammenhang:

"Liebe Brüder und Schwestern! Im Namen unseres Herrn Jesus Christus fordern wir euch noch einmal auf: Trennt euch von all den Menschen in eurer Gemeinde, die ihre Arbeit vernachlässigen und nicht so leben, wie wir es euch gelehrt und aufgetragen haben. Ihr wisst doch genau, dass  ihr auch darin unserem Beispiel folgen sollt. Denn wir haben uns nicht vor der Arbeit gedrückt. Oder haben wir jemals auf Kosten anderer gelebt? Im Gegenteil: Tag und Nacht haben wir gearbeitet und uns abgemüht, um niemandem von euch zur Last zu fallen. Wir hätten zwar von euch Unterstützung verlangen können, doch wir wollten euch ein Vorbild sein, dem ihr folgen sollt. Schon damals haben wir euch den Grundsatz eingeschärft: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Trotzdem haben wir gehört, dass einige von euch ein ungeordnetes Leben führen, nicht arbeiten und sich nur herumtreiben. Sie alle fordern wir im Namen Jesu Christi auf, einer geregelten Arbeit nachzugehen und für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen. Euch aber, liebe Brüder und Schwestern, bitten wir: Werdet nicht müde, Gutes zu tun! Sollte sich jemand unter euch weigern, den Anweisungen in diesem Brief zu folgen, dann brecht jede Verbindung mit ihm ab, damit er sich schämt. Doch behandelt ihn nicht als euren Feind, sondern ermahnt ihn als Bruder."5)

Wendete man es auf all die (a)sozialen Schmarotzer und gesellschaftlichen Parasiten, die es dumm-dreist im Munde führen, selber an, so müssten sie verhungern…

Und schließlich sei die wahre Bedeutung des dritten in diesem Zusammenhang missbrauchten oder missverstandenen Bibel-Zitates aufgezeigt: Der biblische Imperativ "Macht euch die Erde untertan!" bezieht sich ausdrücklich auf eine von einer transzendenten Autorität, nämlich von Gott, geschaffene statische, hierarchisch organisierte Wirklichkeit, die Erde, eine dem Menschen von jenem vorgegebene, auf diesen bezogene Ordnung, deren Teil der Mensch lediglich ist, und die er in Gottes Auftrag erhalten und bewahren, nämlich kultivieren, also dankbar und schonend nutzen, sorgfältig pflegen und stellvertretend verwalten soll (cultivare, lat.: Land bebauen, zu cultus, 2. Partizip von colere: bebauen, pflegen, verehren):

"Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie (euch) untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!«"6) Eine andere Bibel-Version übersetzt gleichbedeutend und gleichsinnig: "Er segnete sie und sprach: »Vermehrt euch, bevölkert die Erde, und nehmt sie in Besitz! Ihr sollt Macht haben über alle Tiere: über die Fische, die Vögel und alle anderen Tiere auf der Erde!«"7)

Es ist also die Rede von »Besitz«; die Erde (´äräz oder ´erez, hebr.: Erde, Land, Erdboden) bleibt als seine Schöpfung jedoch Eigentum Gottes; Er ist ihr Herr und König (1. Mo 1:1; Ne 9:6; Hi 37:13; Ps 8:2; Ps 24:1.2; Ps 29:10; Ps 47:3.8; Ps 93:1; Ps 95:3-6; Ps 103:19; Mi 4:13; Sach 6:5)! (Beachte den Unterschied zwischen »Besitz« und »Eigentum«!). Gott allein gibt und erhält ihre Ordnung (Ps 8:4; Ps 19:2-7; Ps 33:6-9; Ps 104:5.9; Ps 136:5-9; Ps 148:5.6.13)! Weiter spricht Gott von "Macht", "herrschen" (radah, hebr.: die Kelter treten; Honig herauslösen - also etwas Wertvolles, das in einer Gabe enthalten ist, dankbar entgegen-nehmen und durch eigene Arbeit genießen!) u. "untertan": Untertanen (hier: alle Lebewesen [Pflanzen und Tiere]) sind nicht das Eigentum des Herrschenden, sondern dessen freiwillige Gefolgsleute, und ein guter, nämlich gütiger Herrscher zeichnet sich eben gerade dadurch aus, dass er seine ihm obendrein nur vorübergehend verliehene Macht nicht zum eigenen Vorteil, sondern im Interesse seiner Untertanen gebraucht (genau genommen ist der Herrscher der Diener seiner Untertanen!). Es geht also um die von Gott dem Menschen verliehene Macht, über eine von jenem geschaffene und generös diesem überlassene Erde und ihre Lebewesen darauf, die dem Menschen dienen sollen, aber Eigentum Gottes bleiben, stellvertretend verantwortungsvoll zu herrschen u. ihre Produkte zu genießen - nicht mehr u. nicht weniger.

Wie noch Naturvölker über die Erde sowie über »Besitz« und »Eigentum« dachten, sei am Beispiel der nordamerikanischen Ojibwa- oder Chippewa-"Indianer" aus dem Gebiet der großen Seen gezeigt: "Eine Mutter gebärt ein Kind. Sie nährt es, hält es in den Armen. Sie gibt ihm einen Platz auf ihrer Decke nahe an ihrer Brust… Alle haben ein Anrecht auf einen Platz nahe bei ihrer Brust in ihrer Hütte. So freigebig ist auch die Erde. Ihr Mantel ist weit, ihre Schüsseln sind immer voll und werden ständig gefüllt. Auf der Decke von Mutter Erde ist Platz zum Jagen, Fischen, Schlafen und Leben. Alle, Junge und Alte, Starke und Schwache, Gesunde und Kranke, sollen sich in die Großmut und Freigebigkeit von Mutter Erde teilen. Der Grundsatz des gleichen Anrechts aller schließt privaten Besitz aus. Kein Mensch kann seine Mutter besitzen. Dieser Grundsatz erstreckt sich auch auf die Zukunft. Die Ungeborenen haben nicht weniger Anspruch auf den Reichtum der Erde als die Lebenden… Beim Tode lassen die Sterbenden ihren Umhang zurück und nehmen nichts mit sich als die Erinnerung und machen Platz für andere, die noch kommen werden. Das ist das Erbe des Menschen: zu kommen, zu leben und zu gehen, zu empfangen, um weiterzugeben. Kein Mensch kann seine Mutter besitzen; kein Mensch kann die Erde zum Eigentum haben."8)

Für die blinden und dummen, egoistischen und narzisstischen Plutokraten, Technokraten und Bürokraten des Kapitalismus aber ist die Erde nicht hilfreiche "Dienerin" und auch nicht lebenspendende Mutter, sondern auszubeutendes "Material", über das sie vermeintlich willkürlich verfügen dürfen. Sie wollen nicht nur die Macht über die Schöpfung, sondern die Schöpfermacht selber. Der vermessene Mensch in seiner Hybris versteht sich nicht mehr als creatura, sondern als creator. Er usurpiert damit den Rang Gottes. Das ist wahrlich teuflisch, diabolisch, nämlich "durcheinanderwerfend". ("Teufel", die sprachlich jüngste, erst seit dem Mittelalter gebräuchliche Bezeichnung, stammt etymologisch über mittelhochdeutsch "tiuvel" und althochdeutsch "tiufal" von kirchenlateinisch "diabolus" und griechisch "diabolos" ab; mit diesem griechischen Wort wurde in der Septuaginta [Übersetzung der hebräischen Bibel ins Bibelgriechische zwischen 300 und 100 v. u. Z. von und für griechisch sprechende Juden in Alexandria] der hebräische Ausdruck "Satan" übersetzt. Doch fand in der Übersetzung eine willkürliche Bedeutungsverschiebung statt: Heißt "Satan" im Hebräischen noch ganz neutral "Ankläger", bedeutet "diabolos" im Griechischen "falscher Ankläger", "Verleumder", wörtlich: "Durcheinanderwerfer" - von "dia": "auseinander", "durcheinander", und "ballein": "werfen") Somit ist diese hochmütige Haltung des modernen Menschen gegenüber der Natur wahre Gotteslästerung.

Dahinter steht natürlich auch der fatale Irrtum des französischen Mathematikers und Philosophen René Descartes ("Cogito, ergo sum": "Ich denke, also bin ich"), dessen einseitig materialistisches, mechanistisches, reduktionistisches und rationalistisches Weltbild in Verbindung mit einem extremen Dualismus zwischen immateriellem Geist als Subjekt ("res cogitans") und materiellem Körper als Objekt ("res extensa") den Aufstieg der ebenso einseitig ausgerichteten modernen Naturwissenschaften und die Herrschaft einer unkontrollierbaren Technik mit dem Ergebnis des Zwangs des "Fortschritts" um des "Fortschritts" und des "Wachstums" um des "Wachstums" willen ("Ökonomismus" und "Technizismus"; s. o.) ermöglicht hat. Laut dem Tenor der cartesischen Philosophie wird erst und nur die (natur-) wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen ermöglichen, "wie der Herr und Besitzer der Natur" zu werden. Diese Haltung drückt sich theoretisch und praktisch aus: in der Theorie als das Postulat der modernen Naturwissenschaften, dass sich alles in der Natur rational erklären ließe, in der Praxis als das Handeln nach der Annahme, dass die Natur nur eine Ansammlung toter, materieller Objekte ohne Sinn, Zweck und Wert wäre, die wir nach Gutdünken benutzen dürften. So haben wir die Natur ihres Geheimnisses und ihres Zaubers, die die Menschen des "finsteren" Mittelalters und der Romantik noch kannten und respektierten, beraubt und aus ihr einen billigen Selbstbedienungsladen und eine riesige Müllhalde zugleich gemacht.

Welche Auswüchse solch ein Weltbild treiben kann, sei an seinem eigenen Beispiel und dem seines Landsmannes und "Nachfolgers" J. O. De Lamettrie kurz aufgezeigt: Während der "tiefgläubige" Descartes im 5. Kapitel seines "Discours de la méthode"  ("Diskurs der Methode") den Tieren kurzerhand Geist und Seele abspricht und sie zu Automaten degradiert, um den Menschen von ihnen abzuheben (im Grunde unterliegt Descartes einem sog. "Zirkelschluss": Die Tiere müssen als seelenlos vorgestellt werden, damit sie von den Menschen unterschieden sind; "folglich" sind sie von den Menschen unterschieden, da sie ja keine Seele haben!), ließ Lamettrie auch noch diesen Unterschied fallen und erklärt den Menschen ebenfalls zur Maschine. Und so wird er ja im modernen Kapitalismus, seit dem ersten Aufkommen der Industrialisierung, auch behandelt: "In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung."9)

Die unvorstellbare Grausamkeit der verbrecherischen Tierversuche in den Laboratorien der Pharmaindustrie und auf militärischem Sektor sowie der Massentierhaltung in der Nahrungsmittel-, Kleidungs- und Freizeitindustrie ist nur vor dem Hintergrund eines von der Kirche nicht nur nicht verurteilten, sondern sogar geförderten jüdisch-"christlichen" Anthropozentrismus möglich und spiegelt diese üble kapitalistische Grundhaltung entlarvend wider.

Es entbehrt nun nicht einer gewissen Tragikomik, dass gerade die Priester der (protestantischen) "christlichen" Kirche jene Arbeit "heilig" gesprochen haben, die ihr Gott doch als Strafe für den Sündenfall verflucht hatte: "…so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: Mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; (…) Im Schweiße deines Angesichts wirst du (dein) Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du genommen."10) Und ebenso tragikomisch ist es, wenn heute die gesamte proletarische Bevölkerung der Industrieländer ständig das "Recht auf Arbeit" im Munde führt. Arbeiten zu müssen war ja gerade die Strafe, die der biblische Gott über den Menschen verhängt hatte. Jahrtausende hatten die Menschen es als Mühsal und Plage empfunden, arbeiten zu müssen. Seit der Antike bis ins ausgehende Mittelalter hatte Arbeit keinen gesellschaftlichen Wert. Sie galt als notwendiges Übel und hieß noch im Nibelungenlied "Müh' und Plag'". Es war geradezu ein Privileg, nicht arbeiten zu müssen.

Selbstverständlich ist die grotesk anmutende Einforderung des "Rechts auf Arbeit" durch die Opfer, die Proletarier selber, einerseits nur das unzulänglich verschleierte Eingeständnis ihres verdrängten Wissens, keine andere Wahl zu haben, als mit Zwangsarbeit Geld zum Überleben verdienen, sich prostituieren zu müssen; andererseits ist es aber auch eine kokett-schamhafte Umschreibung des Umstandes, dass sie möglichst "viel" Geld für den Konsum haben wollen, und das geht für sie als unterprivilegierte Klasse der Proletarier eben nur über den Weg der Lohnarbeit, also der Prostitution. Der Anspruch auf einen Arbeitsplatz ist also zum einen Selbstbetrug in einer sonst als unerträglich empfundenen, ausweglosen Notlage, zum anderen die vergebliche, weil untaugliche Forderung eines gewissen Mindest-Lebensstandards.

Pikant ist in diesem Zusammenhang, dass die Ethik des Evangeliums ausdrücklich freiwillige Armut und Besitzlosigkeit verlangt. Die frühen Urchristen (und auch die vorchristliche Sekte der Essener von Qumran am Toten Meer) hatten diese Forderung auch akzeptiert und gelebt. Als dann aber die Kirche nicht nur selber zu einer staatstragenden Kraft wurde, sondern auch ihrerseits eine strenge interne Hierarchie aufbaute, war ihr diese der Lehre Jesu entsprechende Haltung im Wege. Eine Ideologie musste her, die, pseudo-religiös verbrämt, den Menschen massivste Angst-, Scham- und Schuldgefühle einpflanzte und gleichzeitig eine Instanz, nämlich die Kirche selber, präsentierte, die ihnen als einzige "Hilfe" und "Erlösung" "garantierte". Indem sie den naiven, entmündigten "Gläubigen" nun die "einzig gottgefällige" Lebensführung (Arbeiten!) vorschreiben konnte und zugleich die (oft kostenpflichtigen!) "Gnadenmittel" der Beichte und des Ablasses ("Absolution") "großzügig" gewährte, schuf sie den fast idealen Sklaven und Konsumenten in Personalunion. Die Kapitalisten brauchten diese Lehre und die fromme, gefügige Herde der Arbeiter u. Verbraucher nur zu übernehmen.

1) Ottmar Bergmann; zit. n. Gerhard Senft, Verweilen im Augenblick. Texte zum Lob der Faulheit, gegen Arbeitsethos und Leistungszwang, Löcker Verlag, Wien 1995, S. 197

2)3) Friedrich (von) Schiller (1759 - 1805), Philosophisch-Ästhetische Schriften, Ästhetische Erziehung, 15. Brief, V, S. 617 f.; 6 Brief, V, S. 584

4)9) Paul Lafargue (1842 - 1911), Le droit à la paresse, 1883 ; zitiert nach der deutschen Ausgabe: Das Recht auf Faulheit, Verlag Monte Verita, Wien 1988

5) 2. Brief des Paulus an die Tessalonicher 3:6 - 15; Die Bibelstelle ist der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by International Bible Society®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags Brunnen Verlag, Basel und Gießen 2008. (Hervorhebungen durch den Verfasser)

6) 1. Mose 1:28; zitiert nach: Elberfelder Studienbibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1994/2001, Textstand 21, 1. Auflage 2005.

7) 1. Mose 1:28; Die Bibelstelle ist der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by International Bible Society®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags Brunnen Verlag, Basel und Gießen 2008.

8) B. Johnston, Und Manitu erschuf die Welt. Mythen und Visionen der Ojibwa (übersetzt von J. Eggert), Düsseldorf/Köln 1979; zit. nach Eugen Drewermann, Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum, Herder Spektrum, Freiburg im Breisgau 1991, S. 23/24. (Hervorh. d. d. Verf.)

10) 1. Mose 3:17, 19; zit. n.: Elberfelder Studienbibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1994/2001, Textstand 21, 1. Auflage 2005.